Inhaltsverzeichnis
Glossar - das Fachwörterbuch
Das Krankheitsbild
Aufgaben der menschlichen Atmung
Aufbau und Funktion der menschlichen Atmung
Veränderungen in Aufbau und Funktion beim Emphysem
Ursachen des Emphysems
Verlauf der Krankheit
Einzelheiten zum Krankheitsverlauf
Diagnose
Möglichkeiten der Behandlung
Seelische Aspekte
Leben mit der Krankheit
Leben gegen die Krankheit
Prävention und Screening
 

Krankheitsverlauf - ein wenig ausführlicher!


Hier nun einige Erfahrungen, wie es den Menschen ergeht - oder ergehen kann, die an einem Emphysem leiden.
Meist bemerken sie lange nichts, oder besser, wahrscheinlich wollen sie nichts bemerken. Denn es handelt sich ja (abgesehen von Ausnahmen) um Raucher! Und wenn ein Raucher bemerkt, dass er schon bei kleineren Belastungen schwer zu atmen anfängt, weiß er wohl, was ihm sein Arzt sagen wird. Also wird das unangenehme Gefühl ignoriert!
Irgendwann geht das aber nicht mehr, die Luftnot wird so schlimm, dass sie nicht mehr zu verheimlichen ist. Meist ist die Krankheit dann schon ziemlich weit fortgeschritten.
Betrachten wir nun zuerst wieder die Unvernünftigen, die "tragischen Fälle". Sie gehen vielleicht zum Arzt, es kommt, wie es kommen muß ("Sie müssen mit dem Rauchen aufhören..."), der gute Wille ist da, die Medikamente verbessern die Situation wieder ein wenig - und dann kommt die Verlockung wieder.
So geht es oft jahrelang, irgendwann dann wird die Luftnot beängstigend - vielleicht nach einer heftigen Erkältung.
Nun beginnt leider meist eine traurige Geschichte! Über Jahre hinweg nimmt die Belastbarkeit kontinuierlich ab, irgendwann bereiten schon die kleinsten "Anstrengungen", z.B. Rasieren, schwere Luftnot. Von Lebensqualität ist keine Rede mehr. Dann kommen Infekte hinzu, zäher, festsitzender Schleim, blaue Lippen, keuchende Atmung, dicke, geschwollene Beine, Herzschmerzen, Schwindel, ständige Müdigkeit, ein immer schlechteres Lebensgefühl...

Hier muss nun eine besonders schwere Folgeerkrankung des Emphysems und der COPD genannt werden: die pulmonale Hypertonie (Lungenhochdruck). Diese gefährliche Erkrankung ist immer noch relativ wenig bekannt, denn sie macht zumindest anfangs wenig Beschwerden, bzw. bemerkt man diese Beschwerden meist gar nicht, da man ja ohnehin unter Belastungsatemnot leidet.

Diese Krankheit gibt es auch ohne Lungenemphysem/COPD bei anderen Lungenkrankheiten, ja es gibt sie sogar ohne jede andere Erkrankung als sog. primär pulmonale Hypertonie (PPH - hier gibt es hervorragende Webseiten von Selbsthilfegruppen, z.B. www.lungenhochdruck.ch). Für die Besucher unserer Seite ist aber eher die sekundäre Form, also die pulmonale Hypertonie als Folgeerkrankung interessant.

Man kann sich das etwa so vorstellen: Bei der Entwicklung eines Lungenemphysems verändert sich ja die Struktur des Lungengewebes zunehmend. Das hat auch Folgen für die Lungendurchblutung. Streng genommen gibt es zwei verschiedene Lungendurchblutungskreisläufe. Die Lunge als Organ muss ja auch mit Sauerstoff und Nährstoffen versorgt werden, diese Blutgefäße sind an den großen Körperkreiskauf angeschlossen, genau wie Herz und Nieren usw. Auch hier gibt es natürlich bei fortgeschrittenem Emphysem Probleme, die Atmungsorgane werden schlechter durchblutet. Das ist aber hier nicht gemeint.
Wir hatten ja am Anfang gesehen, dass es einen eigenen Lungenkreislauf gibt, in dem das Blut vom anfallenden Kohlendioxid gereinigt und mit frischem Sauerstoff versorgt wird. Dieser Kreislauf, der sog. Lungenkreislauf, braucht natürlich auch einen Blutdruck, damit sich das Blut durch die Adern bewegt. Der Blutdruck ist aber hier viel niedriger als im Körperkreislauf (dort - wie heute jeder weiß - ca. 120/80 mm Hg, hier etwa 25/10 mm Hg). Entsprechend sind auch die Wände der Blutgefäße viel dünner und empfindlicher. Wenn nun der Druck in diesen Adern ansteigt, weil die feinen und wenig stabilen Blutäderchen durch die enorme Luftfülle im Brustkorb komprimiert und gleichzeitig auch durch Umbauvorgänge im Gewebe, Vernarbung und Verhärtung die Gefäße in ihrer Elastizität beeinträchtigt werden, führt dies schnell zu einer wachsenden Belastung für die Pumpe: das rechte Herz. Dessen Muskeln werden dicker, damit sie mehr Kraft aufbringen können. Irgendwann ist aber dieser Mechanismus erschöpft, denn das rechte Herz ist nicht für große Belastungen konstruiert.
Der Zeitpunkt ist dann nicht mehr weit, wo die Pumpleistung des rechten Herzens nachlässt, die aus dem Körper kommenden Blutmassen (immerhin etwa ... l/min) fangen an, sich vor dem rechten Herzvorhof zu stauen. Es "steht" ein Blutsee hinunter in den Bauchraum (sichtbar bei der Ultraschalluntersuchung - Abdomen-Sonographie) - und wenn der Vorgang weiter geht, sogar in den Füßen: Es entstehen Ödeme, das sog. "Wasser in den Beinen". Besonders wenn diese Unterschenkel- oder Knöchelschwellungen schon am frühenMorgen bestehen (und nicht erst nach längerem Sitzen oder Stehen im Lauf des Tages - dann hat es meistens andere Ursachen), sollte man schnellstmöglich zum Arzt gehen, denn es ist ein bedrohlicher Zustand erreicht.

Der Hochdruck in den Lungengefäßen verändert aber auch deren Struktur, sodass nicht nur das Hert darunter leidet, sondern auch das Lungengefäßsystem selbst langsam "kaputt geht". Ohne hier auf Einzelheiten eingehen zu wollen, kann man sich wohl gut vorstellen, dass es sich hier um einen sehr ernsten wenn nicht lebensbedrohlichen Zustand handelt, leider nicht so selten letztlich die eigentliche Todesursache des COPD-Kranken.

Im Gegensatz zur PPH (s.o.) besteht hier das Hauptziel der Behandlung nicht darin, Medikamente zur Senkung des hohen Blutdruckes zu geben (hier spielt ja in letzter Zeit das berühmte Viagra® ein gewisse Rolle), sondern die Situation durch optimale Behandlung der COPD und Stärkung des rechten Herzens so weit zu stabilisieren, dass der Lungenhochdruck wieder zurückgeht. In der Anfangsphase sind diese Vorgänge nämlich durchaus reversibel, also umkehrbar und damit wieder besserungsfähig. Erst wenn sich das Ganze verfestigt hat, muss man an andere Therapiemaßnahmen denken. Hier spielt vor alle der Sauerstoff eine große Rolle, von dem bekannt ist, dass er den Lungenblutdruck senkt und damit das Herz entlastet.
Wichtigste Maßnahme aber ist wohl die Vorbeugung, denn man weiss, dass diese gefährliche Entwicklung erst einsetzt, wenn das Emphysem bzw. die COPD schon weit fortgeschritten ist.

Man kann den Lungenblutdruck übrigens nicht so bequem messen wie den "allgemeinen" Blutdruck! Heute ist die einfachste Methode der Herzultraschall: tut nicht weh, hat keine Strahlenbelastung, dafür kann man die Druckwerte allerdings nicht sehr genau messen sondern oft nur abbschätzen.
Wesentllich genauer ist die Rechtsherz-Kathetrisierung, eine recht aufwändige und für den Patienten nicht allzu angenehme Methode...


Vielleicht hat der Mensch inzwischen das Rauchen aufgegeben! Dann hat er zumindest eine kleine Chance, dass die Krankheit nicht mehr so schnell voranschreitet ...
Irgendwann dann, vielleicht Mitte 60 oder Anfang 70, wenn andere Rentner Seniorensport betreiben oder in der Welt herumreisen, beendet eine Lungenentzündung dieses Leiden...

Es geht aber auch anders!
Der vernünftige Mensch begreift, was los ist! Er hört schnellstmöglich mit dem Rauchen auf, hört auf seinen Hausarzt, geht zum Lungenarzt, nimmt die verordneten Medikamente regelmäßig ein, treibt Sport, ernährt sich sinnvoll - kurz gesagt: er ändert seinen Lebensstil. Beantragt eine Reha-Behandlung, informiert sich über Gesundheit und Krankheit, reaktiviert alte Hobbys, gibt seinem Leben einen neuen Sinn und eine neue Richtung.
Er bemerkt, wie sich die Beschwerden in den Griff bekommen lassen, wie er lernt, damit umzugehen, er kann die weitere Verschlechterung abbremsen und vielleicht sogar ganz stoppen.
Sollte die Erkrankung trotzdem - verlangsamt zwar - weitergehen, was sich leider nicht immer ganz vermeiden läßt, wird er wahrscheinlich irgendwann ein Sauerstoffgerät erhalten, dieses nach Vorschrift anwenden und dadurch wieder neue Lebensqualität und letztlich auch Lebenszeit gewinnen.
Das klingt vielleicht ein wenig nach Schwarz-Weiß-Malerei: Aber für den Arzt ist es allzuoft Realität. Und deswegen schreiben wir es hier, als Denkanstoß, als einen Lichtschimmer am Horizont - und hoffen, dass es der eine oder andere Betroffene rechtzeitig liest und sich zu Herzen nimmt....

Wir haben glücklicherweise doch manch einen Patienten erlebt, bei dem der zweite Weg Wirklichkeit wurde, und das gibt uns Ärzten auch immer wieder die Kraft, es immer und immer wieder zu probieren.


Lassen Sie uns aber jetzt nochmal einen Schritt zurück gehen und betrachten, wie der Arzt zu der Diagnose Emphysem kommt.

(Dr. M. Prittwitz)


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Autor(en) der Seite: Dr. M. Prittwitz. Diese Seite wurde zuletzt aktualisiert am 01.05.2009 11:27